Kultur

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Kul|tur [kʊl'tu:ɐ̯], die; -, -en:
1.
a) <ohne Plural> Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung:
die menschliche Kultur; ein durch Sprache und Kultur verbundenes Volk.
b) Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen:
die abendländische Kultur; frühe, verschollene Kulturen; die Kultur der Griechen.
Zus.: Nationalkultur, Volkskultur.
2. <ohne Plural> gepflegte, kultivierte Lebensweise, -art:
sie besitzen keine Kultur; ein Mensch mit Kultur.
Syn.: Benehmen, Bildung, Niveau, Stil.
Zus.: Esskultur, Wohnkultur.
3.
a) angebaute (junge) Pflanzen:
Kulturen von Rosen; ein Boden für anspruchsvolle Kulturen.
b) gezüchtete Mikroorganismen oder Gewebszellen:
bakteriologische Kulturen; eine Kultur anlegen.
Zus.: Bakterienkultur, Pilzkultur.

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Kul|tur 〈f. 20
I 〈zählb.〉
1. Gesamtheit der geistigen, sozialen u. künstler. Ausdrucksformen u. Leistungen einer menschl. Gemeinschaft (Sprache, Ethik, Religion, Erziehung, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Technik, Wirtschaft, Kunst, Musik usw.)
2. Kultur (1) einer menschlichen Gemeinschaft während einer bestimmten Epoche
3. das Urbarmachen des Bodens, Anbau von Pflanzen
4. auf kultiviertem Boden gezüchtete Pflanzen
5. auf bes. Nährboden gezüchtete Bakterien od. andere Lebewesen (Bakterien\Kultur, Pilz\Kultur)
Förderung, Pflege der \Kultur; \Kultur Schaffende(r) = Kulturschaffende(r) ● die antiken, orientalischen \Kulturen; eine hochentwickelte \Kultur; klösterliche \Kultur
II 〈unz.〉 geistige u. seelische Bildung, verfeinerte Lebensweise, Lebensart ● er hat \Kultur
[<lat. cultura „Landbau, Pflege (des Körpers u. Geistes)“; zu lat. colere „(be)bauen, (be)wohnen, pflegen“; verwandt mit Kolonie]

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Kul|tur , die; -, -en [lat. cultura = Landbau; Pflege (des Körpers u. Geistes), zu: cultum, Kult]:
1.
a) <o. Pl.> Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung:
die menschliche K.;
ein durch Sprache und K. verbundenes Volk;
von der K. [un]beleckt sein (ugs.; [un]zivilisiert, kulturell [nicht] entwickelt sein);
wir machen heute in K. (salopp; unternehmen etw. Kulturelles);
er macht in K. (ugs.; ist im kulturellen Bereich tätig);
b) Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen:
die abendländische K.;
primitive, frühe, verschollene, versunkene -en;
die K. der Griechen, der Renaissance in Italien;
ein Land mit alter K.
2. <o. Pl.>
a) Verfeinerung, Kultiviertheit einer menschlichen Betätigung, Äußerung, Hervorbringung:
seine Stimme hat K. (klingt [aufgrund sorgfältiger Ausbildung] ausgewogen);
sie machen in K. (ugs.; legen feine Manieren an den Tag);
b) Kultiviertheit einer Person:
sie besitzen [keine] K.;
er ist ein Mensch ohne jede K.
3. <o. Pl.> (Landwirtsch., Gartenbau)
a) das Kultivieren (1) des Bodens:
die K. des Bodens verbessern;
ein Stück Land in K. nehmen (kultivieren);
b) das Kultivieren (2):
das Klima lässt hier die K. von Mais nicht zu.
4. (Landwirtsch., Gartenbau, Forstwirtsch.) auf größeren Flächen kultivierte junge Pflanzen:
-en von Rosen, Buchen;
die -en stehen gut.
5. (Biol., Med.) auf geeigneten Nährböden in besonderen Gefäßen gezüchtete Gesamtheit von Mikroorganismen od. Gewebszellen:
bakteriologische -en;
eine K. anlegen.

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I
Kultur,
 
Bezeichnung für das, was der Mensch geschaffen hat (im Gegensatz zu der von ihm nicht umgeschaffenen, sondern hingenommenen Umwelt, der Natur). Kultur entfaltet sich in den verschiedensten Bereichen: Technik, Wissenschaft, Kunst, Religion, Recht und Sitte, in sozialen Institutionen und anderem. Im engeren Sinne bezeichnet man besonders wertvolle Schöpfungen als Kulturleistungen, z. B. Erzeugnisse der Kunst und den Bereich der Erziehung, der den Menschen befähigen soll, an der Kultur teilzuhaben. Zuweilen unterscheidet man auch zwischen Kultur und Zivilisation als der mehr technisch-materiellen Seite der Lebensgestaltung. Die Umbildung der Natur - auch seiner selbst - zur Kultur (Kultivierung) ist ein wichtiges Kennzeichen des Menschen, das ihn deutlich vom Tier abhebt.
 
Kultur bezieht sich ursprünglich auf die Bodenbewirtschaftung des sesshaften Bauerntums. Sie wird in den Hochkulturen allmählich von städtisch-bürgerlichen Lebensweisen überlagert. - Bis ins 18. Jahrhundert wurde unter Kultur vornehmlich die Ausbildung der leiblichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten des Menschen, die Vervollkommnung seiner Natur verstanden (Kulturoptimismus). Durch die Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts ist jedoch der Glaube an die kulturelle Entwicklungsfähigkeit des Menschen erschüttert worden (Kulturpessimismus).
 
II
Kultur
 
[lateinisch cultura »Pflege (des Körpers und Geistes)«, »Landbau«, zu colere, cultum »bebauen«, »(be)wohnen«; »pflegen«, »ehren«, ursprünglich etwa »emsig beschäftigt sein«] die, -/-en. In seiner weitesten Verwendung kann mit dem Begriff Kultur alles bezeichnet werden, was der Mensch geschaffen hat, was also nicht naturgegeben ist.
 
In einem engeren Sinne bezeichnet Kultur die Handlungsbereiche, in denen der Mensch auf Dauer angelegte und den kollektiven Sinnzusammenhang gestaltende Produkte, Produktionsformen, Verhaltensweisen und Leitvorstellungen hervorzubringen vermag. Deshalb betont dieser Kulturbegriff nicht nur das Hervorgebrachte und Künstliche, sondern auch die Wertschätzung, die diesem zukommt.
 
Wie bereits die Etymologie zeigt, bestimmt sich der Begriff Kultur v. a. über Komplementär- beziehungsweise Oppositionsbeziehungen; dies umfasst die Identifizierung von Kultur mit Gemachtem im Gegensatz zum Nichtgemachten (Kultur-Natur) sowie die Trennung von praktisch-materieller (Bebauung des Bodens) und geistig-ideeller Kultur (religiös-rituelle Praxis, Kultus).
 
Mit der Entwicklung städtischer Lebensformen tritt der bereits in den Agrargesellschaften bestehende Natur-Kultur-Gegensatz auf die Ebene sozialer Organisationsformen und findet über lateinisch »civilitas« beziehungsweise »urbanitas« Eingang in die europäischen Sprachen. Im Zuge weiterer Ausbildung und kultureller Ausstrahlung städtischer Lebensformen gerät der Kultur- beziehungsweise Zivilisationsbegriff in die Auseinandersetzungen um Vor- beziehungsweise Nachteile städtischen und ländlichen Lebens (Faszination der Großstadt; ländliche Idylle) und wird damit bereits in der Antike zu einem Bestandteil sozialer und sozialkritischer Leitvorstellungen. Anders als in Frankreich, wo der Begriff »civilisation« den Bedeutungsbereich von Kultur einschließt, und im angelsächsischen Sprachraum, in dem die beiden Begriffe »civilization« und »culture« weniger deutlich gegeneinander abgegrenzt sind, unterschied die deutsche Geistesgeschichte deutlich zwischen Kultur und Zivilisation. Zunächst bei I. Kant in aufklärerischer Perspektive zur Rechtfertigung von Kunst und Wissenschaft mit leicht gesellschaftskritischem Impuls formuliert (»Wir sind. .. durch Kunst und Wissenschaft cultiviert, wir sind civilisiert zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit«), wird die Differenzierung im 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im ideologischen Gebrauch (O. Spengler) zum Kampfbegriff bei der »Verteidigung« antimoderner (»deutscher«) Tiefe und Geistigkeit (Kultur) gegen moderne, westliche (»französische«) »Oberflächlichkeit« (Zivilisation). Im heutigen deutschen Sprachgebrauch stehen die beiden Begriffe Kultur und Zivilisation ohne klare Abgrenzung nebeneinander, wobei im Begriff Zivilisation im Allgemeinen der Aspekt des technischen Fortschritts mit enthalten ist, während der Kulturbegriff in der Alltagssprache häufig auch moralische und stilistische Ansprüche umfasst.
 
 Bedeutungsebenen
 
Die Vieldeutigkeit des Begriffs Kultur lässt sich anhand von vier unterschiedlich in Erscheinung tretenden Bedeutungsebenen darstellen:
 
Die Ebene praktischen Handelns, auf der Kultur sowohl den nützlichen als auch den pfleglichen Umgang mit der Natur bezeichnet (Agrikultur): Bodenbebauung und Sesshaftigkeit fallen nicht nur etymologisch, sondern auch kulturhistorisch zusammen. Der Aspekt der Bewirtschaftung des häuslichen Anwesens, bis zur industriellen Revolution mit der Vorstellung des »ganzen Hauses« als Wirtschafts- und Sozialeinheit verbunden, geht mit der Industrialisierung verloren, gewinnt aber in der Gegenwart (»Freizeitgesellschaft«, Umweltdiskussion, »nachhaltige Entwicklung«) auch im Rahmen der Kulturökologie wieder an Bedeutung.
 
Die Ebene der rituellen Verehrung von Gottheiten: Der hiermit verbundene Aspekt der Institutionalisierung findet sich nicht nur heute in außereuropäischen Kulturen wieder, sondern wurde bereits vom Christentum aufgenommen (»cultura dei« als Gottesverehrung, aber auch Marienkulte u. Ä.). In profaner Bedeutung gewinnt er Gestalt einerseits in bestimmten sozialen Institutionen (Kultusminister), zu deren Aufgaben die Pflege der gesamtgesellschaftlich erforderlichen Werte gehört, andererseits in an Personen gebundenen Kulten (Führerkult), wobei der Begriff v. a. in der politischen Sprache die negative Färbung von Idolatrie oder angemaßter Verehrung zum Ausdruck bringt.
 
Die Ebene der individuellen und gruppenspezifischen Bildung: Die Bildung des Individuums vollzieht sich nicht nur als Entwicklung und Prägung der emotionalen und sozialen Persönlichkeit (Sozialisation), sondern gleichermaßen als individuelle Übernahme von Normen und Werten der jeweiligen Kultur mit dem Ziel der Ausbildung einer eigenständigen kulturellen Identität. Bereits in der Antike ist dieser Aspekt mit der Vorstellung einer Bildung der Seele durch die Philosophie (Psychagogia) verbunden und hat in der Formulierung Ciceros »Philosophia cultura animi est« seine über Jahrhunderte nachwirkende Gestalt gewonnen. Diese Tradition von Kultur als Bildung hat den europäischen Kulturbegriff über die Vermittlungen von Renaissance und Humanismus geprägt und noch im 19. Jahrhundert nicht nur das Selbstverständnis der bürgerlichen Schichten und den Aufbau universitärer Wissenschaften bestimmt, sondern über die sozialdemokratischen Parteien, Gewerkschaften (Arbeiterbildungsvereine) und Volksbildungswerke bis in proletarischen Schichten und ländliche Bereiche hinein gewirkt.
 
Die Ebene der sozialen Beziehungen: Kultur bezeichnet hier einerseits das Feld der individuellen sozialen Fähigkeiten (gute Umgangsformen, Kultiviertheit der Erscheinung, »Höflichkeit«), die zumeist schichtenspezifisch an bildungsbürgerlichen Vorstellungen ausgerichtet sind, andererseits das auf das politische Zusammenleben bezogene akzeptierte Verhalten. Während wissenschaftliche Untersuchungen der »politischen Kultur« die Einstellungen von Bürgern gegenüber ihrem sozialen und politischen Kontext (soziale Institutionen, Staat, Verwaltung) in neutraler Perspektive betrachten, tritt der Begriff der politischen Kultur im allgemeinen, auch im politischen Sprachgebrauch mit positiver Bedeutung auf: Er umfasst hier die das politische Zusammenleben ermöglichenden und fördernden Verhaltensweisen wie Kompromissbereitschaft und Toleranz.
 
Außer in den vier genannten Bedeutungsbereichen kann der Begriff Kultur noch in anderen Bedeutungsfeldern auftreten (z. B. Jugendkultur). Kultur meint hier eine spezifische, von anderen Gruppen und Verhaltensnormen unterscheidbare Menge gemeinsamer Verhaltensweisen und Sachverhalte, die für eine bestimmte Teilgruppe der Gesellschaft oder eine ganze Gesellschaft typisch ist.
 
 Entwicklung des Kulturbegriffs
 
Als selbstständiger Begriff tritt Kultur am Ende des 17. Jahrhunderts in dem die Wissenschaftssprache Europas prägenden Latein auf und nimmt von hier aus seinen Weg auch in die deutsche Sprache. S. Pufendorfs »cultura« orientiert sich noch am Begriff Ciceros und bezeichnet als Kultur alle die Subsistenz des Menschen übersteigenden geistigen Werte und Pflichten. Eine erste historische Betrachtung der Entwicklung von Kultur findet sich in G. B. Vicos »Scienza nuova« (1725); er zählt den Bereich der Kultur zu den spezifisch menschlichen Hervorbringungen, die deshalb auch dem Menschen zur einzig vollständigen Erkenntnis offen stünden, während die Kenntnis der Natur und ihrer Gesetze nur ihrem Schöpfer, also Gott, möglich sei. Evolution der Kultur erscheint damit als ein Prozess zunehmender Bewusstwerdung, zunehmender Verfeinerung und Vergeistigung, bei Vico aber bereits auch kritisch gesehen als Prozess der Entfernung von der natürlichen Kraft, woraus sich letztendlich ein zyklisches Bild des Geschichtsverlaufs zeichnen lässt. Das Konzept des Zusammenhangs einer positiven Entwicklung von Sittlichkeit, Kunst und Wissenschaft mit der Entwicklung von Gesellschaft und Individuum wird von der deutschen Philosophie (u. a. Kant, J. G. Herder) in Anlehnung an Voltaire, J.-J. Rousseau (der freilich den mit dieser Entwicklung verbundenen Entfremdungsprozess betont) und den französischen Enzyklopädisten ausgeformt und moralisch überhöht. Kant hebt die erzieherische Funktion der Kultur hervor: Sie soll die sittliche »Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens« für die Gesellschaft hervorbringen. Bereits hier ist dem Begriff in der moralischen Wendung zu individueller Sittlichkeit eine dem Stand jeweiliger Vergesellschaftung und deren konkreten, historisch-aktuellen Erscheinungsbildern gegenüber auch eine kritische Bedeutung eigen, die sich in dieser Form in den frühen Texten des 18. Jahrhunderts noch nicht findet. Kultur wird zu einem Begriff der Distanzierung bürgerlichen Selbstbewusstseins von höfisch-adeligem Standesdenken. In dieser Funktion, Distanz und Elite begründend, wird sie im 19. Jahrhundert auch zu einem Kernstück eurozentrischen Denkens, imperialistischer Rhetorik und Publizistik.
 
Mit Schiller erhält der Begriff einen deutlich ästhetischen Aspekt. Die bildende, d. h. synthetisierende Funktion der Kultur kann zwischen Stoff und Form, zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit vermitteln und ermöglicht damit die Konstitution des »Schönen«. Den Höhepunkt dieser optomistischen, emphatischen Auffassung bildet G. W. F. Hegels Gleichsetzung der Kultur mit dem geistigen Prinzip. Geist und Vernunft beherrschen äußere und innere Natur, indem sie ihr als Kultur Gestalt geben. Kultur erscheint als die volks- und nationalgeschichtlich gefasste Abbildung eines Prozesses, in dem objektiver Geist im Zusammenhang der Weltgeschichte zu sich und seiner Wahrheit zu gelangen vermag.
 
Eine im engeren Sinn wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Kultur beginnt mit Gustav Klemm (* 1802, ✝ 1867) und wirkt über ihn im Rückgriff auf Herder, von hier aus auf die Kulturbegriffe der Ethnologie und Sozialanthropologie. Umfasst der Begriff Kultur im frühen 19. Jahrhundert noch sowohl Geistiges als auch Materiell-Praktisches (W. von Humboldt), so findet wenig später mit der Ausbildung der einzelnen Wissenschaften eine Aufsplitterung des Begriffs in spezielle, zum Teil operative Definitionen statt. Insbesondere die mit dem Werk W. Diltheys in Deutschland unternommene Gegenüberstellung von Natur- und Geisteswissenschaften, wobei Dilthey Kultur den durch hermeneutische Verfahren bestimmbaren Objekten der Geisteswissenschaften zurechnete, bleibt hier folgenreich. Gegen diese Aufsplitterung richtete sich die kulturkritische, fortschrittsskeptische bis fortschrittsfeindliche Kulturphilosophie von F. Nietzsche über O. Spengler und A. Toynbee bis hin zu J. Ortega y Gasset, die in ihren Entwürfen die Rücknahme beziehungsweise die Infragestellung der Funktionsdifferenzierung der modernen Welt selbst in den Vordergrund stellte. Dagegen ging es der in den 1930er-Jahren im Anschluss an F. Boas entwickelten Schule des Kulturrelativismus (Ruth Benedict, Margaret Mead, R. Linton, Kroeber, M. J. Herskovits) darum, die jeweiligen kulturellen und sozialen Phänomene als unterschiedliche Erscheinungsformen grundlegender kultureller Aufgaben oder als Leistungs- und Verhaltensmuster zu verstehen.
 
Die weitere wissenschaftliche Diskussion des Kulturbegriffs wird zum einen durch die sich ausweitende Differenzierung einzelner Teildisziplinen gekennzeichnet; zum anderen spielen seit den 1920er-Jahren im Anschluss an B. Malinowskis Kulturdarstellungen auf der Basis von Feldforschungen empirisch orientierte Kulturforschungen eine erhebliche Rolle. Mit der von A. L. Kroeber und C. Kluckhohn 1952 vorgelegten Übersicht lassen sich die unterschiedlichen Ansätze zusammenfassen in 1) eine eher deskriptive, d. h. den Zusammenhang, aber auch die Vielfalt unterschiedlicher kultureller Tätigkeiten, Handlungsbereiche und Erscheinungen beschreibende Gruppe von Kulturbestimmungen, 2) eine an der historischen Anordnung des vorhandenen Materials orientierte Gruppe. Für den ersten Typ der Betrachtung von Kultur kann bis heute E. B. Tylors Definition von 1871 stehen: »Kultur oder Zivilisation im weitesten ethnologischen Sinne ist jener Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und allen übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat.« Variationen dieser ebenso allgemeinen wie umfassenden Definition betonen behavioristische Aspekte (R. Lintons »gewohnheitsmäßiges« beziehungsweise konditioniertes Verhalten) oder die sozialen und ökonomischen Grundlagen kulturellen Verhaltens (Malinowski), oder sie differenzieren die Veränderbarkeit kultureller Tätigkeiten gegenüber dem irreversiblen technisch-zivilisatorischen Fortschritt (R. Thurnwald). Diese Studien bezogen damit auch Stellung gegen eine mit dem europäischen Imperialismus seit dem 19. Jahrhundert verbundene Vorstellung einer »kulturellen Mission« Europas beziehungsweise gegen die Abqualifizierung außereuropäischer Lebenszusammenhänge im Namen von »Hochkultur«. Entsprechende Impulse finden sich in der »strukturalen Anthropologie« von C. Lévi-Strauss und in der kritischen Auseinandersetzung der Ethnopsychoanalyse bei G. Devereux mit den Thesen des Kulturrelativismus wieder.
 
 Neuere Kulturtheorien
 
Im Begriff der Kultur lassen sich grundlegend eine ergologische (Arbeit), eine soziative (Gesellschaft) und eine temporale (Geschichte) Komponente unterscheiden. Insbesondere seit dem 18. Jahrhundert hat die »Verzeitlichung« (R. Koselleck, W. Lepenies) als Darstellungsform und Ordnungsmittel vorliegender Daten, die durch die Zunahme der Informationen über außereuropäischen Kulturen bereichert wurden, zur Entwicklung von Kulturstufentheorien (A. Weber) oder Kulturphasenmodellen (V. G. Childe) geführt, deren Grundmodelle noch heute gültig sind. Die von L. Frobenius vertretene Kulturmorphologie dagegen ordnet die wachsende Informationsflut nicht zeitlich, sondern räumlich an (Kulturkreislehre). Gemeinsam ist der heutigen, auch aus der Kritik an den genannten Modellen erwachsenen, teils eher naturwissenschaftlich (A. Leroi-Gourhan), teils eher philosophisch und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Anthropologie (A. Gehlen, E. Rothacker, D. Claessens) die Vorstellung, dass es zu den »Natureigenschaften« des Menschen gehöre, sich durch das Hervorbringen von Kultur aus der unmittelbaren Naturgebundenheit und -abhängigkeit zu befreien und dadurch gleichzeitig in neue Verbindlichkeiten sozialer, kultureller und institutioneller Art einzutreten. Bei Gehlen wird diese neue Beziehung als »Entlastung« des Menschen vom Handlungszwang positiv gesehen, während sie in der Blickrichtung T. W. Adornos und M. Horkheimers auf eine völlige Abhängigkeit der Individuen von einer totalen gesellschaftlichen Organisation hinausläuft, d. h. auf den Rückfall der Kultur in die Barbarei. In beiden Perspektiven erscheint der Prozess kultureller Evolution allerdings auch als Entwicklung von der direkten, nicht theoriegeleiteten Naturaneignung über ein instrumentales, auf die Erreichung von Zwecken reflektierendes Naturverhältnis zu einem solchen symbolisch-abstrakter Art.
 
Gerade diese letzte Schicht menschlicher Kulturentwicklung erscheint in soziologischer Hinsicht bedeutsam. Sie ermöglicht es, die sinnhaften Leistungen (A. Schütz) menschlichen Verhaltens, die indirekte, geschichtlich vermittelte Gemachtheit menschlicher Lebenszusammenhänge zu erfassen. Kultur erscheint so als Teilbereich gesellschaftlich konstruierter Wirklichkeit (P. L. Berger, T. Luckmann) beziehungsweise in den Worten E. Cassirers als ein »symbolisches Universum«: »Statt mit den Dingen selbst umzugehen, unterhält sich der Mensch in gewissem Sinne dauernd mit sich selbst. Er lebt so sehr in sprachlichen Formen, in Kunstwerken, in mythischen Symbolen oder religiösen Riten, dass er nichts erfahren oder erblicken kann, außer durch die Zwischenschaltung dieser künstlichen Medien.«
 
War die ältere anthropologische beziehungsweise historische Diskussion um den Stellenwert der Kultur in der Evolution des Menschen durch die Aufspaltung in »Faktensammler« (empirische anthropologische Studien) und »Sinnsucher« (philosophische Bestimmungsversuche) gekennzeichnet, so folgen gegenwärtige Darstellungen deutlicher einer integrierenden Betrachtungsweise (N. Elias, A. Leroi-Gourhan, Claessens). Kultur entsteht demnach aus einem Wechsel von dynamischen und statischen Elementen sowohl aufseiten der biologisch-physischen Ausstattung des Menschen als auch aufseiten der psychischen, rationalen und symbolischen Abbildungen und Verarbeitungsformen menschlicher Erfahrungen.
 
In anderer Weise erscheint Kultur im Rahmen kulturzyklischer Betrachtungen, denen als Modell die Vorstellung zugrunde liegt, dass sich die Geschichte einzelner oder auch aller Kultur in kreisförmiger Weise bewege, was auf eine mögliche Wiederkehr bestimmter Abläufe und Konstellationen hinauslaufe. Diese Vorstellung, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Modell des linearen Fortschritts erlaubt, hat im neuzeitlichen Europa auf bedeutende Denker (G. B. Vico, Goethe, F. Nietzsche, L. Frobenius, A. Toynbee) Anziehung ausgeübt. Vor dem Ende des Milleniums nimmt es nicht wunder, dass sich gegenwärtig neue Diskussionen hieran entzünden (F. Fukuyama, S. P. Huntington).
 
Der moderne Kulturbegriff ist eigentümlich reduziert und instrumentalisiert; er spiegelt die Grundgestalt der Moderne als Prozess zunehmender Differenzierung und Komplexität bei gleichzeitiger Abstraktion und Funktionalisierung dieser Vielfalt. Wurde bis zum Zweiten Weltkrieg in den Kulturdebatten die Unterscheidung von materieller und ideeller Kultur dazu benutzt, um mögliche geistesgeschichtliche oder historisch-materialistische Syntheseversuche (H. Marcuse) vorzustellen, so bedeutet die sich nach dem Zweiten Weltkrieg universal entwickelnde Kulturindustrie einen zusätzlichen Anstoß in dieser Debatte: Die Entwicklung einer konsumorientierten Massenkultur und entsprechender »Kulturwaren« hat einerseits die Trivialisierung und Funktionalisierung der Kultur vorangetrieben, andererseits aber auch die so genannte hohe Kultur, deren emphatische Absetzung sich erst aus ihrem Gegensatz zur Massenkultur bestimmte, in den Funktionalisierungsprozess einbezogen.
 
Gegenwärtig erscheinen so die verschiedenen Ebenen kultureller Praxis und Reflexion weniger als Ausdruck unterschiedlicher Wertigkeit, sondern vielmehr als unterschiedlich brauchbare und sozial vorgegebene »Bildungskapitale« (P. Bourdieu), die dem Einzelnen Chancen im Wettbewerb um soziale Macht und ökonomische Stärke nehmen oder geben. Auch werden historische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Sachverhalte unter einem erweiterten, die Kultur viel stärker einbeziehenden Blickwinkel betrachtet und die Volks- und Alltagskultur selbst in ihren historischen und aktuellen Ausprägungen wahrgenommen (P. Burke, H. Bausinger, Schule der »Annales«, F. Braudel, G. Duby, J. Le Goff, P. Gay, S. Greenblatt u. a.), Kulturstile und kulturelle Orientierungen werden zur Strukturanalyse fortgeschrittener Industriegesellschaften (G. Schulze) herangezogen. Während in den 1950er-Jahren noch die vom 19. Jahrhundert übernommene Disjunktion natur- und geistes- beziehungsweise kulturwissenschaftliche Weltbetrachtung eine Rolle spielte, ja sogar zur Kritik bestimmter Nachlässigkeiten der westlichen Welt noch einmal akualisiert wurde (C. P. Snow), wurde der Begriff Kultur seit Mitte der 1960er-Jahre zunehmend zugunsten der Gesellschaftsanalyse verdrängt, Kultur mit »bürgerlicher Kultur« weitgehend gleichgesetzt und gesellschaftskritischer, z. B. marxistischer Analyse unterworfen. Kultur schien je nach Perspektive verdächtig oder als Bezeichnung eines Nebenaspekts.
 
Erst das im Laufe der 1970er-Jahre neu erwachte (und auch über die »Dritte-Welt-Solidarität« beförderte) Interesse an der Ethnologie mit ihrem relativierenden, deskriptiven und mehrgliedrigen Kulturbegriff (etwa im Anschluss an Tylor) hat zu dem geführt, was seit den 1980er-Jahren als hermeneutische oder kulturalistische Wende (Lepenies) in den Humanwissenschaften diskutiert wird. Kultur stellt so zum Ende des Jahrhunderts wieder einen Grundbegriff der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussion dar, sowohl dann, wenn es darum geht, innergesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren (W. Lipp), als auch dann, wenn supranationale und globale Entwicklungen, Konflikte und Zusammenhänge beschrieben werden sollen. So etwa sieht J. Habermas in seiner auf die Kritik bestehender Funktionalisierungen und Instrumentalisierungen zielenden Darstellung der im »kommunikativen Handeln« angelegten Vernunftpotenziale Kultur als Sinnreservoir der Akteure an, beschränkt dabei aber den Kulturbegriff darauf, ein sinnorientierendes Handlungsmuster zu bezeichnen.
 
Sowohl im nationalgesellschaftlichen Rahmen, der nach den Umbruchserfahrungen von 1990 v. a. in Osteuropa einen neuen Stellenwert erhielt, als auch in internationaler Perspektive stehen sich derzeit zwei Richtungen gegenüber: einerseits die interkulturelle (multikulturelle) Perspektive, die in Anknüpfung an den Kulturrelativismus von einer Vielzahl der Kulturen ausgeht, die lernen müssen, nebeneinander und gegebenenfalls miteinander zu existieren, sich wechselseitig in ihren Leistungen anzuerkennen und in ihren Forderungen einzuschränken (C. Taylor, H. Reimann), andererseits eine sich auf den Universalismus europäischer Aufklärung berufende Sichtweise, die aktuelle und künftige Konflikte entlang von kulturellen, v. a. auch religiösen Orientierungen und Grenzen ansiedelt und entsprechend begründet (Huntington, B. Tibi). Beiden Perspektiven, zumal der Letzteren, die sich auch als Politikberatung versteht, wird dabei kritisch vorgehalten, dass sie die Orientierung an Kultur unnötig substanzialisierten und unhistorisch homogenisierten; dadurch werde die Komplexität der globalen Probleme unzulässig vereinfacht, wodurch im Gegenzug der Instrumentalisierung von Kultur als politische Ideologie und Ausschließungskriterium Vorschub geleistet werde (F. O. Radtke).
 
Neben dieser eher wissenschaftlichen und publizistisch ausgetragenen Debatte hat sich am Ende des 20. Jahrhunderts auch eine modische, an konservative Kulturbestimmungen anschließende Kulturvorstellung herausgebildet, in der Kultur der Ausgestaltung »schöner« Lebenszusammenhänge und entsprechender Wirtschaftsräume zu dienen hat.
 
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Alternativkultur · Aufklärung · Gesellschaftskritik · Massenkultur · Natur · Subkultur · Zivilisation
 
 
E. B. Tylor: Die Anfänge der Cultur, 2 Bde. (a. d. Engl., 1873);
 T. S. Eliot: Beitr. zum Begriff der K. (a. d. Engl., 1949);
 J. Huizinga: Gesch. u. K. (a. d. Niederländ., 1951);
 E. Cassirer: Was ist der Mensch? Versuch einer Philosophie der menschl. K. (1960);
 R. Benedict: Urformen der K. (a. d. Engl., 56.-60. Tsd. 1963);
 A. L. Kroeber u. C. Kluckhohn: Culture. A critical review of concepts and definitions (Neuausg. New York 1967);
 J. G. Frazer: Der goldene Zweig (a. d. Engl., 1968);
 W. F. Ogburn: K. u. sozialer Wandel. Ausgew. Schr. (a. d. Engl., 1969);
 R. Williams: Gesellschaftstheorie als Begriffsgesch. Studien zur histor. Semantik von »K.« (a. d. Engl., 1972);
 V. G. Childe: Soziale Evolution (a. d. Engl., 1975);
 W. Perpeet: K., Kulturphilosophie, in: Histor. Wb. der Philosophie, hg. v. J. Ritter, Bd. 4 (Neuausg. 1976);
 F. Steinbacher: K. Begriff, Theorie, Funktion (1976);
 J. Habermas: K. u. Kritik. Verstreute Aufsätze (21977);
 W. Lepenies: Das Ende der Naturgesch. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wiss. des 18. u. 19. Jh. (Neuausg. 1978);
 D. Bell: Die Zukunft der westl. Welt. K. u. Technologie im Widerstreit (a. d. Engl., Neuausg. 1979);
 
Naturplan u. Verfallskritik. Zu Begriff u. Gesch. der K., hg. v. H. Brackert u. a. (1984);
 R. Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtl. Zeiten (41985);
 B. Malinowski: Eine wiss. Theorie der K. (a. d. Engl., 21985);
 A. Gehlen: Der Mensch. Seine Natur u. seine Stellung in der Welt (131986);
 G. Simmel: Philosoph. K. (Neuausg. 1986);
 A. Leroi-Gourhan: Hand u. Wort. Die Evolution von Technik, Sprache u. Kunst (a. d. Frz., Neuausg. 1988);
 
K. u. Alltag, hg. v. H.-G. Soeffner (1988);
 K. Fohrbeck u. A. J. Wiesand: Von der Industriegesellschaft zur Kulturgesellschaft? Kulturpolit. Entwicklungen in der Bundesrep. Dtl. (1989);
 
Culture and society. Contemporary debates, hg. v. J. C. Alexander u. a. (Cambridge 1990, Nachdr. ebd. 1994);
 H. Marcuse: K. u. Gesellschaft, 2 Bde. (13-171990-94);
 
Transkulturelle Kommunikation u. Weltgesellschaft, hg. v. H. Reimann (1992);
 
Zw. den Kulturen? Die Sozialwiss.en vor dem Problem des K.-Vergleichs, hg. v. J. Matthes (1992);
 M. Harris: Culture, people, nature. An introduction to general anthropology (New York 61993);
 
Kulturbegriff u. Methode. Der stille Paradigmenwechsel in den Geisteswiss.en, hg. v. K. P. Hansen (1993);
 M. Horkheimer u. T. W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosoph. Fragmente (Neuausg. 32.-36. Tsd. 1994);
 W. Lipp: Drama K., 2 Tle. (1994);
 N. Elias: Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde. (191995);
 C. Geertz: Dichte Beschreibung. Beitrr. zum Verstehen kultureller Systeme (a. d. Engl., Neuausg. 1995);
 C. Geertz: The interpretation of cultures. Selected essays (Neudr. New York 1996);
 R. Inglehart: Kultureller Umbruch. Wertwandel in der westl. Welt (a. d. Engl., Neuausg. 1995);
 
The sociology of culture. Emerging theoretical perspectives, hg. v. D. Crane (Neudr. Oxford 1995);
 G. Bollenbeck: Bildung u. K. Glanz u. Elend eines dt. Deutungsmusters (Neuausg. 1996);
 P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede (a. d. Frz., 81996);
 
K. als Text. Die anthropolog. Wende der Literaturwiss., hg. v. D. Bachmann-Medick (1996);
 G. Maletzke: Interkulturelle Kommunikation. Zur Interaktion zw. Menschen verschiedener K. (1996);
 Gerhard Schulze: Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart (61996);
 S. P. Huntington: Der Kampf der K. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jh. (a. d. Amerikan., 51997).
 
III
Kultur
 
die, -/-en, Biologie und Medizin: die experimentelle Anzucht von Mikroorganismen sowie von pflanzlichen, tierischen und menschlichen Gewebszellen in besonderen Gefäßen und Nährmedien.
 

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Kul|tur, die; -, -en [lat. cultura = Landbau; Pflege (des Körpers u. Geistes), zu: cultum, ↑Kult]: 1. a) <o. Pl.> Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung: die menschliche K.; „K. ist das Gegenteil von Zivilisation“, sagte er (B. Vesper, Reise 461); die Abteilung für K. (Kunst u. Wissenschaft); ein durch Sprache und K. verbundenes Volk; führende Kräfte im Bereich von Politik und K.; von der K. [un]beleckt sein (ugs.; [un]zivilisiert, kulturell [nicht] entwickelt sein); b) Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen: die abendländische K.; Im Zentrum der bürgerlichen Bildung stand das geschichtliche Werden unserer nationalen K. (Rhein. Merkur 8, 1976, 29); primitive, frühe, verschollene, versunkene -en; die K. der Griechen, der Renaissance in Italien; aus der Arbeiterbewegung werde von selbst eine neue K. entstehen (Musil, Mann 1339); eine neue K. schaffen; die Sumerer brachten eine überlegene ... K. mit, die sie den ... Semiten aufzwangen (Ceram, Götter 334); Außerdem ist bekannt, dass die Online-Nutzer per E-Mail eine eher informelle K. der Kontaktaufnahme pflegen (Woche 11. 4. 97, 16); die weitere Entwicklung einer ausgeprägten klösterlichen K. (Bild. Kunst 3, 18); ein Land mit alter K. 2. <o. Pl.> a) Verfeinerung, Kultiviertheit einer menschlichen Betätigung, Äußerung, Hervorbringung: Technische K. ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses (E+Z 7/8, 1981, 10); außer Dienst hat man Ekarté gespielt oder ist auf die Jagd gefahren, und bei dem allem war eine gewisse K. (Musil, Mann 1235); seine Stimme hat K. (klingt [aufgrund sorgfältiger Ausbildung] ausgewogen); worauf bei Tienappels mit aller K. zu Mittag gegessen wurde (Th. Mann, Zauberberg 46); sie machen in K. (ugs.; legen feine Manieren an den Tag); b) Kultiviertheit einer Person: sie besitzen [keine] K.; er ist ein Mensch ohne jede K. 3. <o. Pl.> (Landw., Gartenbau) a) das Kultivieren (1) des Bodens: die K. des Bodens verbessern; ein Stück Land in K. nehmen (kultivieren); b) das Kultivieren (2): die K. von Erdbeeren, Rosen betreiben; das Klima lässt hier die K. von Mais nicht zu. 4. (Landw., Gartenbau, Forstw.) auf größeren Flächen kultivierte junge Pflanzen: -en von Rosen, Buchen; die -en stehen gut; Damit werden zwei -en ermöglicht. Die erste, die nun schon während der Regenzeit gesät werden kann, besteht aus Mais, Sorghum, Bohnen, Brotweizen, Sonnenblumen oder ähnlichen Ölfrüchten (NZZ 25. 10. 86, 5). 5. (Biol., Med.) auf geeigneten Nährböden in besonderen Gefäßen gezüchtete Mikroorganismen od. Gewebszellen: bakteriologische -en; eine K. anlegen, in frisches Nährmedium bringen.

Universal-Lexikon. 2012.

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